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Hinter jeder Krankheit steckt eine Botschaft
erschienen in "Welt des Kindes" 1/2002 S. 16-17

Krankheitssymptome wie Bauchweh, Kopfweh oder Übelkeit können bei Kindern Ausdruck einer versteckten Botschaft sein. Wenn ein Kind häufig über solche Symptome klagt, ist es hilfreich, diese Botschaft zu entschlüsseln. Von Heike Olbrich und Isolde Schaugg.

9 Uhr morgens im Kindergarten. Alle Kinder sind bereit zum Waldspaziergang – fast alle. Der vierjährige Julian wimmert kläglich: Ich hab Bauchweh, ich kann nicht mitgehen. Die Erzieherinnen tauschen genervte Blicke: Es ist mal wieder soweit, Julian hat Bauchweh. Schon wieder!
Wenn ein Kind im Kindergarten häufig über unspezifische Beschwerden wie Bauchweh oder Kopfweh klagt, ist zu klären, ob das Kind wirklich krank ist. Wenn ja, muss es nach Hause. Doch nicht immer ist der Fall eindeutig. Erzieherinnen haben häufig ein gutes Gespür dafür, ob ein Kind ernstlich krank ist oder nicht. Und was tun, wenn es zwar über Symptome klagt, aber beispielsweise keine erkennbaren körperlichen Reaktionen zeigt? Das Kind ist dann eher bockig als krank; vielleicht simuliert es ja nur. Und das macht ärgerlich, stört den Ablauf und macht hilflos und ohnmächtig.


Krankheit als Lösungsversuch

Eine Möglichkeit, dieses Phänomen zu betrachten, besteht darin, die Ursache in der Persönlichkeits-Struktur des Kindes zu sehen, es seinem Charakter zuschreiben. Eine andere, von uns favorisierte Sichtweise sieht Verhalten als Produkt von Beziehungen und Interaktion. Der Blick richtet sich auf den Sinn von Verhaltensweisen: Was erreicht das Kind mit seiner Krankheit, welchen Nutzen hat sie in bestimmten Situationen?
Kinder erleben früh, dass vieles anders ist, wenn sie krank sind: Sie bekommen mehr Zuwendung, zudem ändert sich der Tagesablauf. In beiden Fällen kann Krankheit ein Lösungsversuch des Kindes sein:

Bedürfnisbefriedigung
Das Kind wünscht sich mehr Nähe, Schutz, Sicherheit, Zärtlichkeit, Ruhe oder Zuwendung, als es momentan bekommt. Wenn es krank ist, werden diese Bedürfnisse eher oder stärker befriedigt.

Veränderung
Das Kind fühlt sich in der momentanen Situation (zum Beispiel in der Kindergruppe) unwohl oder überfordert. Im Falle einer Krankheit verändert sich die Situation: Es kann nach Hause gehen oder muss an einer bestimmten Aktivität nicht teilnehmen.
Zu bedenken ist: Ein Kind wählt nicht bewusst eine Krankheit als Strategie, sondern es weiß sich nicht anders zu helfen und findet keinen anderen Weg.
Manche Symptome treten nur zu Hause auf, andere nur im Kindergarten. Wenn ein Kind häufig krank ist, kann das natürlich ein Indiz für Probleme im Elternhaus sein. Es ist auf jeden Fall ratsam, mit den Eltern zu reden und gemeinsam mit ihnen nach den Ursachen zu suchen. Falls die Eltern allerdings nicht kooperativ sind oder gar die Ursache für das Verhalten des Kindes ausschließlich im Kindergarten suchen, hat es wenig Sinn, hier weiter nach Gründen zu forschen. Selbst wenn die Erzieherinnen überzeugt davon sind, dass Probleme im Elternhaus für das häufige Auftreten von Krankheiten verantwortlich sind, hilft das wenig; dadurch verdammen sie sich selbst nur zur Untätigkeit und zum "Aushalten müssen". Dem betroffenen Kind nützt es am meisten, wenn es in der aktuellen Situation unterstützt wird.


Wenn Kinder nach Hause geschickt werden müssen

Anna-Lena ist vier Jahre alt. Seit zwei Tagen weint sie viel im Kindergarten, am dritten Tag bekommt sie auch noch Fieber. Die Erzieherinnen informieren die Eltern, Anna-Lena wird abgeholt. Am nächsten Tag kommt sie wieder. Alles sei in Ordnung, sagen die Eltern. Doch nach kurzer Zeit beginnt das Weinen von neuem, auch das Fieber kehrt zurück.
Wenn Kinder sehr häufig nach Hause geschickt werden müssen, stecken manchmal gravierende häusliche Probleme dahinter. So kann es zum Beispiel sein, dass das Kind stark verunsichert ist und Angst hat, in seiner Abwesenheit könnte zu Hause etwas Schlimmes passieren. Das kann der Fall sein, wenn die Trennung oder Scheidung der Eltern ansteht. Oder das Kind hat das Gefühl, zu Hause dringend gebraucht zu werden, was zum Beispiel vorkommt, wenn ein Elternteil unter Depressionen oder Suizidgedanken leidet.


Das können Sie tun

Wenn ein Kind häufig über Bauchschmerzen, Übelkeit oder Kopfweh klagt, sollte man versuchen, die Botschaft dahinter zu entschlüsseln. Welche Bedürfnisse und Befindlichkeiten verstecken sich hinter dem Symptom: Angst, Unsicherheit, Stress, Einsamkeit, Sehnsucht nach Nähe und Zuwendung? Der erste Schritt besteht in der Bestandsaufnahme und Analyse der Situation.

1. Situationsanalyse
Richten Sie den Blick auf Zeitpunkt, Situation und beteiligte Personen, wenn sich Symptome zeigen: Wann und in welchem Zusammenhang wird das Kind meistens krank? Zum Beispiel häufig bei den Mahlzeiten oder bei bestimmten Aktivitäten? Oder nach den Wochenenden, die das Kind bei seinem Vater, seinen Großeltern oder sonst wem verbringt? Oder fühlt es sich immer dann unwohl, wenn ein bestimmtes Kind neben ihm sitzt, wenn der beste Freund nicht da ist oder die Lieblingserzieherin fehlt?
Tauschen Sie sich mit Ihren Kolleginnen aus: Stimmen deren Beobachtungen mit Ihren überein? Zudem ist es hilfreich, auch die symptomfreien Tage unter die Lupe zu nehmen: Was ist anders an diesen Tagen?

2. Lösungssuche
Wie kann man dem Kind helfen, sich wohlzufühlen, ohne dass es auf das Hilfsmittel Krankheit zurückgreifen muss? Die Suche nach einer Lösung ist ein kreativer Prozess, bei dem man nach Trial and Error vorgehen kann. Überlegen Sie, was Sie bisher versucht haben, das aber nicht geholfen hat, und probieren Sie etwas anderes aus. Testen Sie, wie das Kind auf Schmusen und körperliche Nähe reagiert. Oder: Was bewirkt ein kurzer Rückzug zu zweit mit dem Kind? Hilft ein bestimmtes Spielzeug oder ein Sitzplatzwechsel beim Essen?
Eine Geschichte vom Bauchweh-Wurm oder von der Kopfschmerzlaus kann dem kranken Kind die Schuldgefühle nehmen, weil es mal wieder den Ablauf unterbrochen oder die Zuwendung der Erzieherinnen auf sich gezogen hat. Und wenn der Bauchwehwurm schuld ist, wird zum einen das Kind emotional entlastet und zum anderen können sich die anderen Kinder bei der Suche nach Lösungen, wie der Bauchwehwurm vertrieben werden kann, beteiligen.


Heike Olbrich
Diplompädagogin, freie Journalistin und Sachbuchautorin, Andernach.

Isolde Schaugg
Diplompädagogin, systemische Therapeutin, Stuttgart.

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10.09.2009
www.schaugg.de